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»Wir haben jede Menge Ideen, mit denen wir das Wachstum weiter vorantreiben.«

Interview mit Dr. Christian Wegner, Conrad Albert und Christof Wahl über die künftige Ausrichtung des Digitalgeschäfts.

Die Vorstände Dr. Christian Wegner, Conrad Albert und Christof Wahl erklären im Interview, wie die künftige Ausrichtung des Digitalgeschäfts bei ProSiebenSat.1 aussehen wird.

Christian Wegner: Vor fünf Jahren sind wir mit 200 Millionen Euro Umsatz im Digitalgeschäft angetreten, heute erwirtschaften wir fünfmal so viel. Die Geschäftsbereiche sind enorm gewachsen und haben gleichzeitig sehr unterschiedliche Schwerpunkte. Christof Wahl führt das Entertainment-Geschäft bereits seit über einem Jahr. Der Schritt in den Vorstand und die Aufteilung in eigenständige Segmente kommen genau zum richtigen Zeitpunkt. So können wir uns auf die kommenden Aufgaben fokussieren.

Bis 2018 will der Konzern insgesamt 1,5 Milliarden Euro Umsatz mit dem Digitalgeschäft erwirtschaften. Welchen Anteil werden die beiden Geschäftsfelder beisteuern? 

Wegner: Heute kommen rund 60 Prozent der Umsatzerlöse des Digitalgeschäfts aus dem Bereich  Ventures & Commerce und 40 Prozent aus dem Entertainmentgeschäft. Die Gewichtung wird in etwa so bleiben. Aber langfristig haben wir beide natürlich noch jede Menge Ideen, die das Wachstum weiter vorantreiben werden.

Christof Wahl: Organisch haben beide Segmente das Potenzial, sich weiter dynamisch zu entwickeln. Und wir werden sehen, wo wir anorganisch, also durch Akquisitionen, das Wachstum noch einmal ausbauen können.

Ventures & Commerce ist das größte Standbein des Digitalgeschäfts und der Wachstumstreiber Nummer 1. Bis 2018 sollen mehrere Verticals mit einem jährlichen Umsatzvolumen von je 100 Millionen Euro stehen – ein recht ambitioniertes Ziel.

Wegner: Im vergangenen Jahr haben wir das Reiseportfolio mit dem Flugreiseportal etraveli ausgebaut und in unsere Verticals Beauty & Accessories, Online Comparison Portals sowie Fitness & Wellbeing investiert. Für das weitere Wachstum schauen wir uns an, wo die Deutschen gerne online shoppen und viel Geld ausgeben. Das sind zum Beispiel die Themen Food und Sport sowie Verbraucherberatung, zu der das Vergleichsportal Verivox gehört, das wir 2015 übernommen haben. Aber auch neue Felder wie Finanztechnologie sind für uns interessant. Wir investieren in Unternehmen, die von der emotionalen und vertrauensbildenden Wirkung von Fernsehen profitieren und nutzen unsere Werbekraft, um das Geschäft auszubauen. Wir fokussieren uns auf Unternehmen, deren Geschäfte sich bereits gut entwickeln und bei denen wir eine Wertsteigerung erwarten. Verivox und etraveli, unsere größten Akquisitionen aus dem vergangenen Jahr, sind gute Beispiele dafür. In dieser Richtung wollen wir weitermachen.

hw.design 2016
Dr. Christian Wegner: "Wir nutzen die Qualitäten von Fernsehen, um das Digitalgeschäft auszubauen."
Werden Sie auch in Zukunft TV-Werbezeiten gegen Unternehmensbeteiligungen tauschen?

Wegner: Media-for-Equity ist ein hervorragendes Instrument in unserer Wachstumsstrategie. Wir können mit geringem Risiko investieren, sehen wie TV-Media wirkt, wie das Management agiert und verstehen den Markt. Anschließend können wir wie bei Flaconi und Amorelie die Firmen kaufen. Die Internationalisierung der Aktivitäten ist dann ein möglicher nächster Schritt.  

Herr Albert, Sie bauen im Vorstand den Bereich German Industry Relations auf. In diesem neuen Geschäftsfeld geht es um Vertriebskooperationen mit anderen Industrien – haben Sie bereits Partner außerhalb der Mediawelt gefunden?

Conrad Albert: Die Digitalisierung führt dazu, dass unsere Inhalte für Unternehmen jenseits der Medienindustrie immer interessanter werden. Konvergenz setzt sich in immer mehr Lebens-, Gesellschafts- und ökonomischen Bereichen durch. Wir werden in Zukunft deshalb noch stärker auf Kooperationspartner jenseits der Medien- und Telekommunikationsindustrie zugehen, um unsere Inhalte überall verfügbar zu machen, zum Beispiel in Zügen, Flugzeugen oder Autos.

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Conrad Albert: "Ich sehe enormes Potenzial in industrieübergreifenden Kooperationen."
Warum wird das Distributionsgeschäft künftig gemeinsam mit dem Geschäftsbereich Digital Entertainment geführt?

Albert: Zusammen mit meinem Team habe ich in den vergangenen Jahren aus dem Cost-Center Distribution ein hoch profitables Geschäft gemacht – mit einem Umsatz im dreistelligen Millionenbereich und Wachstumsraten von 20 Prozent. Das ist ein starkes und stabiles Geschäft, wichtig für all unsere Digitalaktivitäten, nicht nur für unsere großen Free-TV-Sender. Unsere Inhalte und Plattformen sind heute umfassend und weitflächig digital verbreitet. Über die Distribution wird sich entscheiden, ob unsere Strategien rund um Adressierbarkeit, das Generieren von Daten als Währung und Targeted Advertising aufgehen. Umso wichtiger ist es, diese Bereiche aus einer Hand zu führen.

Wahl: Der Megatrend heißt Video und der Konsument bestimmt, wann und wo er Inhalte abruft. Das führt dazu, dass es immer mehr Verbreitungswege gibt. In Zukunft findet nicht mehr der Kunde den Content, sondern der Content den Kunden, weil wir immer besser verstehen, was die Konsumenten wollen. Wir werden an diesem Wachstumsmarkt teilhaben und junge Menschen weiter für TV und Video in der digitalen Welt begeistern. Auch wenn sich die Nutzung verändern sollte, wachsen wir weiter.

Welche Rolle spielt die Monetarisierung von Daten in Zukunft?

Wahl: Wir haben bisher viele Daten in unterschiedlichen Bereichen generiert. Jetzt müssen wir sie im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten zusammenführen, um davon zu profitieren. Wenn ich weiß, dass jemand ein Video über Mallorca angesehen hat und gleichzeitig auf einer unserer Travel-Seiten ist, dann muss ich diese Information nutzen, um Wert zu generieren. Unser Vorteil ist, dass wir das Fernsehen mit in diese Welt hineinbringen. Wir können Daten zu anderen Nutzungszeiten und -gewohnheiten sammeln. Die Herausforderung wird sein, aus dem Wissen einen Mehrwert zu generieren, der nicht einfach nur mehr Werbung bedeutet, sondern auch vom Kunden als wertvoll wahrgenommen wird. Das ist eine Währung der Zukunft.

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Christof Wahl: "In Zukunft findet nicht mehr der Kunde den Content, sondern der Content den Kunden."
Durch die mehrheitliche Übernahme des US-amerikanischen Multi-Channel-Networks CDS und die Zusammenlegung mit Ihrem Multi-Channel-Network Studio71 sind Sie weltweit auf Platz 5 der Digital Entertainment-Anbieter aufgestiegen – wie wollen Sie in diesem Segment weiter wachsen?
Ab dem dritten Quartal 2016 wird die ProSiebenSat.1 Group erstmals auf Basis der neuen Segmentstruktur über Unternehmensentwicklung und Ziele berichten. Die Segmente Digital Ventures & Commerce sowie Digital Entertainment ersetzen dann das bisherige Segment Digital & Adjacent.
Starkes Portfolio
Der Erfolg der ProSiebenSat.1 Media SE basiert auf innovativen Geschäftsmodellen und starken Marken.

Wahl: In einem Markt, der ohnehin schon exzeptionell wächst, sind wir im vergangenen Jahr um 100 Prozent gewachsen. Video entwickelt sich enorm.  Früher unterschied man viel stärker zwischen professionellem TV-Content und Short-Form-Videos. Diese Unterscheidung verschwimmt immer mehr und für viele Jugendliche sind Videos ihrer Webstars heute genauso professionell. Um in diesem Ökosystem mitzuspielen, braucht man große Partner und globale Präsenz. Wir gehören heute weltweit zu den fünf größten Multi-Channel-Networks. Künftig müssen wir aus dem digitalen Geschäft heraus ähnlich wie bei den Sendern noch stärker eigene Marken entwickeln, die unabhängig von Personen sind. Zum anderen werden wir das Werbegeschäft weiter befeuern, indem wir gemeinsam mit den großen Marken Branded-Entertainment-Formate entwickeln.

Wo sehen Sie das größte Potenzial für eine werthaltige Vernetzung mit dem Kerngeschäft TV?

Wegner: Wir nutzen die Qualitäten von Fernsehen, um das Digitalgeschäft auszubauen. Wir können Werbezeit im Wert von zirka einer Milliarde Euro investieren – in Media-for-Equity, aber auch in die Promotion bestehender Marken wie maxdome, Verivox und Flaconi. Unser Zaubertrank heißt Media, verbunden mit Marketing und dem Wissen, wie man den besten Spot, die beste integrierte Kampagne macht. Wir werden weitere Geschäftsfelder rund um das Thema Digitalisierung erschließen, sie mit unserem Know-how und unserer Promotionpower groß machen und internationalisieren.

Albert: Ich sehe enormes Potenzial in industrieübergreifenden Kooperationen rund um das Thema Content. Wir sind in diesem Bereich ein großer Player mit einer Verhandlungs- und Einkaufsstärke, die andere Industrien nicht haben. Wir werden uns ein Stück weit aus dem klassischen Spielfeld herausbewegen. Für uns geht es immer darum, unseren Wert, nämlich starken Content, hohe Reichweite und große Emotionen, in neue Bereiche zu transportieren.

Wahl: Ich sehe vier große Wachstumsbereiche: Der erste umfasst Content und Video. Hier werden wir dafür sorgen, dass unsere Inhalte aus dem TV überall vorkommen und darüber hinaus neue Formate für die Online-Zielgruppe entwickeln. Im zweiten Bereich geht es um Technik und Daten: Wir werden Nutzerdaten als Währung für uns generieren. Der dritte Bereich ist die Distribution. Dazu zählen Partnerschaften mit möglichst allen Plattform-Betreibern. Wir werden aber auch unsere eigene Videodistributionsplattform Dritten anbieten. Hier gilt: Je mehr Partner, umso günstiger wird es für alle Beteiligten. Zudem gibt es noch eine Menge versteckte Potenziale in Segmenten, die wir für das Fernsehen noch nicht erschlossen haben. Dazu gehört zum Beispiel das Thema Messenger. Es gibt noch eine ganze Reihe von Distributionsplattformen, über die wir unseren Content verbreiten können.