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Innovation made in Germany

Im Mai 2018 wäre Karl Marx 200 Jahre alt geworden. Würde der Ökonom und Gesellschaftstheoretiker die Entwicklungen im globalen Digitalmarkt heute beobachten können, hätte er seinem Monopol-Kapitalismus meiner Meinung nach den Monopol-Digitalismus hinzufügen können. Facebook, Google oder Amazon sind längst zu einem Synonym für die Macht von Monopolen im Internet geworden. Und die Konzerne haben keine Scheu, ihre Marktmacht auszunutzen – die EU-Kommission hat daher erst kürzlich Google mit einer neuen Rekordstrafe im Android-Kartellverfahren belegt. Die Folgen dieser Monopolstellung können fatal sein, denn es stehen mehr als nur ökonomische Nachteile auf dem Spiel. Dies belegt der Datenskandal um Facebook einmal mehr eindringlich: 87 Millionen Nutzer weltweit haben der Plattform ihre persönlichen Daten anvertraut und wurden hintergangen. Facebook hat die Daten der Nutzer bekanntermaßen nicht ausreichend geschützt. Die Daten wurden mutmaßlich dafür missbraucht, unseren Meinungspluralismus zu unterlaufen und sogar Wahlen zu manipulieren. Das kommt einer Sabotage des demokratischen Wertesystems gleich.

Absolut absurd: Algorithmen steuern Informationsprozesse

Algorithmen filtern und steuern die Flut an Informationen, der wir täglich im Internet begegnen. Sie selektieren Informationen und helfen uns, möglichst schnell und zielführend durch das Datenmeer des World Wide Web zu navigieren. Das Absurde und zugleich Riskante daran: Algorithmen entscheiden zunehmend, welche Richtung unsere Meinung einnimmt – indem sie auswählen, was wir lesen, sehen und hören. Dies gilt auch für politische Inhalte. Digitale Giganten, die diese Algorithmen programmieren, sind supranational und zeigen kein Interesse daran, den Wahrheitsgehalt, die Rechtmäßigkeit oder das Gefahrenpotenzial der veröffentlichten Inhalte zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund wirken Algorithmen wie mathematisierte Vorurteile. Die Plattformen handeln ohne redaktionelle Verantwortung. Kurzum: Algorithmus-basierte Angebote fördern polarisierende Inhalte und extreme Meinungen, die sich in Windeseile im Netz verbreiten und alternative Meinungen ausgrenzen. Es findet keine Kontextualisierung statt. Genau das macht Plattformen wie Facebook in ihrer Wirkung antidemokratisch. Meinungsvielfalt aber ist die Basis für unsere Debattenkultur und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Filterblasen dürfen nicht alternativlos bleiben

Was tun? Die Industrie hat es selbst in der Hand, diese Informationsmonopole zu durchbrechen. Aus meiner Sicht haben die deutschen Medienkonzerne einschließlich ARD und ZDF das Know-How, die Kapazitäten und vor allem die Inhalte, um über eine große Brancheninitiative eine eigene attraktive Plattform aufzubauen, die Entertainment- und Informations-Inhalte zur Verfügung stellt. Der Startschuss ist bereits gefallen: Zusammen mit Discovery entwickeln wir – die ProSiebenSat.1 Group – eine wegweisende Streaming-Plattform. Wie bereits bei den Log-In-Allianzen netID und Verimi steht es allen interessierten Unternehmen frei, sich im Rahmen einer Joint-Industry-Alliance einzubringen und gemeinsam einen deutschsprachigen Champion zu schaffen. Dies kann kartellrechtskonform erfolgen und inhaltlich so überzeugend gestaltet werden, dass dem Publikum eine zentrale Anlaufstelle und damit eine echte Alternative geboten wird. Würden alle Nutzer wechseln? Nein. Sollte ich als Nutzer die Wahl haben? Auf jeden Fall. Informationsprozesse, die zunehmend durch Algorithmen gesteuert werden, brauchen eine redaktionelle Einordnung. Wir haben die Reichweite, Relevanz und Kompetenz, diese Aufgabe zu übernehmen und mit einer gemeinsamen Offensive ein Gegengewicht zu schaffen.

Gemeinsam haben wir es in der Hand: Struktur-Taskforce für einen dualen Neustart

Den Wettbewerb mit globalen Giganten scheuen wir nicht. Klar ist aber auch: Wir müssen endlich die kleinteilige Diskussion in den bestehenden Strukturen hinter uns lassen und größer denken. Der Neustart unserer Medienordnung in Deutschland ist dafür zwingend erforderlich. Wir brauchen einen zukunftsweisenden Regulierungsrahmen, der auch große strategische Allianzen zulässt. Wir brauchen ein digitales System, in dem sich öffentlich-rechtliche und private Medienhäuser zusammenfinden und synergetisch ergänzen. Der Weg dahin führt aus meiner Sicht nur über eine Struktur-Taskforce, die die Beteiligten aller Mediengattungen an einen Tisch bringt. Dazu zählen Experten der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter – Veranstalter wie Verlage – Vertreter der Bundesländer, des Bundes sowie Spezialisten aus anderen Wirtschaftszweigen. Eine solche Struktur-Taskforce hätte das Know-How, Modernisierungsprozesse in Gang zu setzen, um unsere Medienordnung neu aufzusetzen und ein faires Wettbewerbssystem im Sinne eines level playing fields zu schaffen. Dabei fordere ich, dass gesellschaftlich relevante Angebote – sprich Inhalte mit Public Value - aus öffentlichen Mitteln finanziert werden und zwar unabhängig davon, wer sie letztendlich produziert oder ausstrahlt. Dies wäre absolut sachgerecht.

Jede Bewegung startet klein und muss erstmal eine kritische Masse erreichen, um Druck aufzubauen. Ich sehe uns Medienkonzerne in der Verantwortung, entsprechende Plattformen als echte Alternativen zum Informationsangebot der globalen Internetmonopolisten zu etablieren. Zugleich ist es die Aufgabe des Gesetzgebers, einen Rahmen zu setzen, der Meinungsvielfalt nicht nur zulässt - sondern gezielt Inhalte mit Public Value fördert und incentiviert. Das Zeitfenster ist günstig. Die Löschaktion #DeleteFacebook war bereits ein erster Fingerzeig, der darauf hinweist: Die Nutzer sind sensibilisiert. Gemeinsam können wir die Vision einer digitalen Mediengesellschaft mit demokratischem und verantwortungsbewusstem Wertegerüst erarbeiten. Wir können und müssen jetzt handeln – und damit für unsere Meinungsfreiheit und für Europa als Digital-Standort eintreten.

Conrad Albert, Deputy CEO & General Counsel ProSiebenSat.1 Media SE