Achtung, freilaufender Blinder!

Augen zu und hingeschaut: ein Blinder beim Fernsehen

Wie ich mich orientiere

Die S-Bahn hält in Unterföhring, die Türen gehen auf. Mit dem Stock vortasten, dann ein großer Schritt auf den Bahnsteig. Rechts am Leitstreifen entlang und die mittlere Treppe rauf. Jetzt links durch die zweite Automatiktür. Draußen beginnt kurz darauf auf 1 Uhr der Weg bergab. Geradeaus, bloß nicht rechts zur Allianz abdriften. Was für ein Baulärm das ist, die neuen P7S1-Gebäude! Aber schon geht es über die Gutenbergstraße und etwas rechts versetzt ab ins so genannte Wäldchen, einen kleinen Verbindungsweg. Hier hört man links die „Telezwerge“, unsere konzerneigene Kita. Jetzt die Dieselstraße, kommt da ein Auto von rechts? Ah, es bleibt stehen, vielen Dank, also minimal rechts überqueren und weiter.

Links dient ein Bodenbelag aus Kunststoff nun als gute Leitlinie. Danach weiter bis zu einer steinernen Bank. Jetzt wird’s tricky. Mittig vor die Bank stellen, dann vorwärts. Wenn ich auf ein Hindernis treffe, Links vorbei und mit dem Stock erneut links eine Regenrinne suchen. Gefunden? Gut. Um Bänke und Tische herumschlängelt sich diese zum Eingang der Bayerischen Akademie für Fernsehen und Digitale Medien (BAF), wo ein Teil meiner Volontärsschulungen stattfand. Um mein Büro zu erreichen, laufe ich von der zweiten Bank geradeaus los. Schnell finde ich eine weitere Regenrinne in Laufrichtung, die fast bis zum Eingang führt. Heureka! – Sie lasen: Ein Morgen im Leben eines Blinden... genauer gesagt in meinem.

Mobilitätstrainer, so unbekannt wie unverzichtbar

Der September ist da, Corona ist unverschämterweise auch noch da, doch P7S1 hat seinen Mitarbeitern erlaubt, ein paar Zehen ins Wasser zu tauchen und unter strengen Auflagen an den Campus zurückzukehren. Meine im März abgebrochenen Schulungen wurden in neuen Räumen fortgesetzt, zudem zogen wir mit der Konzernkommunikation von der Medienallee in die Betastraße um. Für die meisten bedeutet eine solche Veränderung wohl nur etwas Stress beim Umzug des Equipments. Für mich ist dagegen klar: Wieder mal Zeit für ein paar Termine mit dem Mobilitätstrainer. Damit der Arbeitsweg – im Idealfall – so läuft, wie oben beschrieben.

Mobilitätstrainerinnen und -trainer haben den womöglich wichtigsten unbekannten Beruf der Welt. Sie bringen Erblindeten den Umgang mit dem Stock bei, machen mit ihnen Orientierungsübungen und trainieren mit Sehbehinderten und Blinden wichtige Wege. Ein ganz „normaler“ Job, für mich in den letzten Jahren aber lebenswichtig. Mein Trainer sieht Wege, bevor wir sie üben, mit speziellen Augen: Wo sind Hilfen zur Orientierung? Leitlinien, wechselnder Untergrund, Geräusche? Wo mögliche Schwierigkeiten? Wie macht man den Weg leicht und ungefährlich, auch wenn es ab und an etwas kürzer ginge? Ziel des Trainings ist nicht, dass ich wie an der Schnur gezogen von A nach B flitze, ohne mit dem Stock etwas zu berühren. Hauptsache ich finde sicher zum Ziel und kann Fehler erkennen und korrigieren – selbst wenn ich dabei an die Wand schlage, um mich zu orientieren.

Wenn ihr einen blinden Menschen seht, fragt nach, ob ihr der Person helfen könnt, habt keine Scheu. Bei einem nein seid nicht gekränkt, sondern fragt nächstes Mal wieder.

Richtig helfen ist nicht schwer

So perfekt wie oben dargestellt geht es jedoch nicht immer. Sogar auf dem kurzen Weg von meiner Wohnung in Landshut zum Bahnhof geht ab und zu etwas schief. Schuld können plötzliche Irritationen oder Hindernisse wie ein im Weg stehender Bus sein. Auch das Wetter macht mir manchmal das Leben schwer, Regen ändert die Akustik zum Beispiel völlig. Aber oft schlägt auch die – sagen wir es, wie es ist – eigene Blödheit zu, vor der leider niemand gefeit ist. Solche Fehler sind sehr ärgerlich, weil unnötig. Gut, dass sie langsam seltener werden. Und noch besser, dass, wenn ich mich mal verfranst habe, fast immer nette Leute zur Stelle sind, die mir die Richtung zeigen. Als Blinder erlebe ich mehr Hilfsbereitschaft als zuvor erwartet, nicht nur, wenn ich mich verlaufen habe. Dafür danke und ein großes Lob.

Aber es gibt Momente, in denen der Wille zu helfen zur Gefahr führen kann. Bestes Beispiel: Zugtüren. In die Bahn einzusteigen, ist für mich dank meines Stocks kein Problem, doch ich muss mich dabei konzentrieren. Offenbar glauben viele der anderen Passagiere, dass ein Blinder das alleine niemals hinbekommt. So weit, so wenig verwunderlich. Leider führt dies häufig dazu, dass mir jemand, während ich schon ein- oder aussteige, urplötzlich in den Arm greift. Das kann gefährlich werden und es gelingt mir dann nicht immer, freundlich zu bleiben. Darum meine Bitte: Wenn ihr einen blinden Menschen seht, fragt nach, ob ihr der Person helfen könnt, habt keine Scheu. Bei einem nein seid nicht gekränkt, sondern fragt nächstes Mal wieder. Und wenn sie bejaht, dann hört zu, was ihr tun könnt. Nur bitte: Erst reden, dann anfassen (falls gewünscht).

„Ohren auf!“ Ein Song gewordener Mobilitätstrainer

Nicht einfach, heute einen Song zum Thema zu finden. Oder doch? Beim Schreiben über das Mobilitätstraining spukte mir ständig die Zeile „Learning to walk again“ aus „Walk“ von den Foo Fighters durch den Kopf. Passt der Text perfekt? Vielleicht nicht ganz, aber am Anfang ist das lyrische Ich verloren, am Ende geradezu euphorisch – von „I think I lost my way“ zu „I never wanna die“. Etwas over the top vielleicht, aber meiner Story nicht ganz unähnlich. Selbst wenn man kein Wort versteht, ist der Spirit, sich nicht unterkriegen zu lassen, in diesem Song allgegenwärtig. Zudem kann es nicht genügend Gelegenheiten geben, um zu betonen, wie großartig und sympathisch diese Band und ihr Frontmann Dave Grohl sind. Also bitte alle sofort Fan werden, falls noch nicht geschehen. Danke. Hier geht es zum Audio. Denn das Video packt zwei Minuten unnötige „Story“ um die Musik und ein echtes Lyric Video gibt es nicht.

Auf einen goldenen Herbst, achtet auf eure Mitmenschen, und benutzt eure Ohren... gerade im Herbst hat die Natur ihnen viel zu bieten.

Euer Alex