Inklusion mal anders: Wenn das Virus plötzlich real wird

Augen zu und hingeschaut: ein Blinder beim Fernsehen

Liebe Sportsfreunde,

zweiter Artikel, erste Planänderung – na, wenn das kein Rekord ist! Ich muss Euch leider enttäuschen, aber entgegen meiner vollmundigen Ankündigung vom letzten Mal geht es heute nicht um Sport im TV. Darauf müsst Ihr voraussichtlich bis zum nächsten Mal warten – und der Grund dürfte klar sein: Nein, auch an mir ist Corona nicht unbemerkt vorbeigezogen – im Gegenteil, eines Abends kam mir das Virus sogar ganz plötzlich sehr nah.

Am Anfang hatte ich Sorgen, ob ich die dauernde Heimarbeit mit täglichen Team-Calls als Blinder technisch überhaupt meistern würde.

Eigentlich sollte ich von Anfang März bis Mitte Mai mit 16 anderen Volontären an einem Schulungsblock teilnehmen. Der Kurs dauerte aus bekannten Gründen zwar nicht lange, doch nach dem Abbruch ging es Schlag auf Schlag: Freitag letzter Schulungstag, Montag früh zurück im Team, nur eben von zu Hause... und Montagabend kam dann die Nachricht: Eine Kollegin aus den Schulungen ist infiziert! In den News klingt es so theoretisch und weit weg, aber wenn Corona plötzlich ganz nah ist, ist das kein schönes Gefühl. Ob Du blind bist, gehörlos oder nichts davon, macht da keinen Unterschied – auch irgendwie eine Form von Inklusion...

Der „Corona-Schock“ schweißte uns dann noch einmal deutlich intensiver zusammen.

Vor allem in diesen ersten Tagen war ich sehr froh um die tägliche Arbeit daheim – so wurde Langeweile nie ein Thema. Am Anfang hatte ich Sorgen, ob ich die dauernde Heimarbeit mit täglichen Team-Calls als Blinder technisch überhaupt meistern würde. Die Desktop-Version von Microsoft Teams, die ich bisher kannte, ist nur begrenzt barrierefrei. Dagegen ist die Smartphone-App, wie ich jetzt schnell merkte, für mich viel übersichtlicher und besser zu bedienen. Vielleicht lohnt sich dieser Tipp auch für manch sehende Kollegen. Für mich bleibt es eine wichtige Erkenntnis aus dieser seltsamen Zeit, die ich mittlerweile auch auf andere Tools wie das HR-Portal übertragen konnte. Klar gibt es gerade noch mehr Positives, vom weggefallenen Pendeln bis zum speziellen Charme mancher Video-Meetings, die etwa durch den Besuch von neugierigen Kindern oder wilden Vögeln im Zimmer aufgelockert werden (ja, das ist wirklich passiert, und nein, weder Tier noch MitarbeiterIn wurden verletzt). Trotzdem bin ich froh, wenn wir uns wieder vor Ort treffen. Pendeln hin oder her, es ist gut, wenn der Tag klar gegliedert ist: hier Freizeit, dort Arbeit, jedenfalls in der Regel.

Am meisten freue ich mich auf meine großartigen Volontärskollegen aus den Schulungen: Schon in unseren lediglich zwei gemeinsamen Wochen hatten alle sich sehr gut verstanden. Wie in meinen anderen Teams war mir jeder bei Bedarf gerne behilflich und häufig auch sehr interessiert an meinem Hintergrund. Der „Corona-Schock“ schweißte uns dann noch einmal deutlich intensiver zusammen. Die nächsten Wochen waren wir ständig per Chat in Kontakt, freuten uns und litten mit den anderen mit. Hätte es einerseits alles weiß Gott nicht gebraucht, wird uns allen aber sicher unvergesslich bleiben. Dass mir sogar per Handy verschickte Bilder und Filme manchmal sofort beschrieben wurden, zeigt, wie toll diese Truppe ist. Vielen Dank und einen dicken Gruß darum an mein Team #Volontäne! Bald sehen wir uns wieder... also Ihr mich.

Aber allen, denen diese Krise mental zu schaffen macht oder die sogar – selbst, in der Familie oder im Bekanntenkreis – vom Virus schwer betroffen sind, möchte ich etwas mitgeben, dass ich aus meiner Erblindung und der Zeit danach gelernt habe: Schlimme Schicksalsschläge bringen, so furchtbar sie an sich auch sein mögen, fast immer auch Positives mit sich, etwa Chancen, Dinge zu wagen oder zu verändern. Mir ist klar, dass nicht immer alles so gut endet wie in meinem Fall und dass man sich für schlaue Sätze im schlimmsten Moment nichts kaufen kann. Doch dieser Moment geht vorbei. Wichtig ist, dass wir weiter positiv denken und aufeinander schauen. #P7S1InThisTogether

Passend dazu möchte ich in diesem Blog jetzt noch eine regelmäßige Rubrik einführen: Als großer Musik-Fan stelle ich Euch unter dem Label „Ohren auf!“ jetzt jedes Mal einen zum Thema passenden Song vor. Für alle von Corona oder persönlichen Tiefschlägen Gebeutelten beginnen wir heute mit der fantastischen Punkband Rise Against, die auf „Tragedy + Time“ gewohnt intensiv, aber ungewohnt gemäßigt in der Lautstärke daran erinnert, dass auch die tiefsten Narben mit der Zeit verheilen. Der Song erschien 2014, zu einer Zeit, als ich ihn sehr gut gebrauchen konnte. Der folgende Link führt Euch absichtlich nur zum „Lyric Video“. So könnt Ihr den Text besser erfassen – außerdem sehe ich ja auch kein Video, also hey, warum soll es Euch besser gehen?

Passt auf Euch auf, und benutzt Eure Ohren... sie bringen Euch Musik, schon das allein macht sie wunderbar.

Euer Alex