Marco, 2025 war ein Jahr großer Veränderungen für ProSiebenSat.1. Seit September ist MFE-MEDIAFOREUROPE neue Mehrheitseigentümerin. Du bist seit Oktober neuer Group CEO. Wie hast du deinen Start erlebt?
"DER STATUS QUO IST KEINE OPTION."
Ich wurde vom ersten Tag an sehr offen aufgenommen. Ich habe ein starkes Team kennengelernt, das mit großer Leidenschaft zusammenarbeitet. Dabei war mir wichtig, dass wir uns von Beginn an als ein gemeinsames Team verstehen – nicht "wir" und "die", sondern nur "wir". Das hat sehr gut funktioniert.
Unser Group CFO Bob Rajan und ich haben uns dann Geschäft und Organisation sehr gründlich angeschaut – mit dem klaren Anspruch, ProSiebenSat.1 erfolgreich auf die kommenden Jahre auszurichten. Das Unternehmen verfügt über eine starke Basis, große Reichweiten und viel Kompetenz. Aber ebenso klar ist: Der Status quo ist keine Option. Wenn wir im aktuellen Marktumfeld langfristig erfolgreich sein wollen, müssen wir uns verändern.
Ein Marktumfeld, das deutlich herausfordernder bleibt als viele es erwartet haben…
Ja, absolut. Die gesamtwirtschaftliche Lage in der DACH-Region bleibt sehr angespannt, und das wirkt sich unmittelbar auf den Werbemarkt aus. 2025 war, trotz vieler Erfolge im TV und Streaming, bei Umsatz und Ertrag ein schwieriges Jahr für ProSiebenSat.1. Hinzu kommt: Die Medienbranche befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Die Nutzung fragmentiert sich weiter, der Wettbewerb um Aufmerksamkeit nimmt zu. Umso entscheidender ist es, dass wir uns nicht auf äußere Faktoren verlassen. Wir werden konsequent auf unsere eigenen Stärken setzen und unsere Wettbewerbsfähigkeit gezielt weiterentwickeln.
Geht damit eine strategische Kehrtwende einher?
Nein. Keine Kehrtwende, aber eine Fokussierung. Wir konzentrieren uns stärker auf das, was uns wirklich voranbringt, und haben dafür fünf Fokusbereiche definiert: überzeugende lokale Inhalte, ein klug verzahntes Zusammenspiel unserer Plattformen, eine breitere digitale Monetarisierung, der gezielte Einsatz neuer Technologien – und eine Organisation mit einer starken Kostendisziplin.
Was bedeutet das konkret?
Entertainment ist und bleibt das Herzstück von ProSiebenSat.1 – lokal, relevant, live. Genau das werden wir intensivieren. Wir investieren gezielt in Formate, die Nähe schaffen und uns klar vom Wettbewerb, national wie global, differenzieren. Darüber hinaus bauen wir noch stärker eigene Inhalte und Marken auf. Unser Anspruch ist, weniger zu lizenzieren und mehr Intellectual Property zu schaffen. Wir müssen die Rechte an unseren Formaten besitzen, damit wir diese über unsere Plattformen und Partner optimal verwerten können. Das bedeutet: Zuerst produzieren wir starke Inhalte – anschließend sorgen wir für die bestmögliche Verbreitung. Wir wollen Formate stärker weiterentwickeln, in unterschiedliche Versionen je nach Kanal und Zielgruppe bringen und plattformübergreifend verlängern. So holen wir mehr Wert aus jeder guten Idee heraus und schaffen zusätzliche Kontaktpunkte für das Publikum.
"ENTERTAINMENT IST UND BLEIBT DAS HERZSTÜCK VON PROSIEBENSAT.1 – LOKAL, RELEVANT, LIVE."
Was ist für ProSiebenSat.1 denn wichtiger: lineares Fernsehen oder Streaming?
"UNSERE SENDER SIND REICHWEITEN-CHAMPIONS, JOYN IST DER ZENTRALE WACHSTUMSTREIBER."
Das ist für uns keine Frage von "entweder oder". Vielmehr gilt hier ganz klar: „und“! Es sind unsere linearen Sender und Joyn. Beides sind gleichwertige Säulen eines integrierten Entertainment-Angebots. Unsere Sender sind Reichweiten‑Champions, Joyn ist der zentrale Wachstumstreiber. Mit der Kraft des linearen Geschäfts beschleunigen wir auch das Wachstum von Joyn konsequent weiter – und machen dabei große Fortschritte!
Woran misst du diese Fortschritte?
Wir sehen eine starke Dynamik: Joyn hat Ende 2025 12,4 Millionen Nutzer:innen erreicht – das ist ein Plus von über 100 Prozent gegenüber Dezember 2024. Solche Kennzahlen zeigen, dass die Verzahnung von Linear und Digital wirkt – und dass wir auf dieser Basis Monetarisierung breiter aufstellen können: datenbasierter, technologiegetriebener und flexibler für unsere Kunden. Gleichzeitig entwickeln wir Joyn weiter – mit zusätzlichen Produktangeboten und Nutzerpfaden, dort wo sie Reichweite und Monetarisierung sinnvoll miteinander verbinden. Ziel ist, die starke Nutzung von Joyn noch klarer in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen.
Entscheidend ist, unsere Inhalte dorthin zu bringen, wo Menschen sie sehen – und nicht zu warten, bis sie zu uns kommen. Deshalb bündeln wir Reichweite, Daten und Produkte plattformübergreifend – und nutzen, wenn es sinnvoll ist und zusätzliche Reichweite bringt, auch Plattformen anderer Anbieter. Das ist ein Multi-Plattform-Ansatz, bei dem wir TV, Joyn und weitere Reichweitenpartner konsequent zusammendenken.
Inhalte, Plattformen und Monetarisierung hast du nun schon erwähnt. Was ist mit Technologien und Kostendisziplin?
Beides sind wichtige Hebel. Bei Technologie geht es für uns nicht um Buzzwords, sondern darum, im Alltag besser zu werden – Inhalte effizienter zu produzieren, Nutzungsverhalten besser zu verstehen und Produkte so weiterzuentwickeln, dass sie unseren Zuschauer:innen und Werbekunden wirklich etwas bringen. Und bei der Kostendisziplin ist klar: Wir investieren sehr gezielt dort, wo wir Wirkung sehen, und halten die Organisation an anderen Stellen bewusst schlank. Diese Kombination schafft die Freiräume, die wir für Wachstum brauchen. Denn Veränderung bedeutet für uns immer auch Wachstum: Wir richten das Unternehmen so aus, dass aus besseren Prozessen und klareren Prioritäten ganz konkrete Wachstumsinitiativen entstehen – sei es durch neue Technologien, effizientere Produktionswege oder zusätzliche Erlöspfade.
"VERÄNDERUNG BEDEUTET FÜR UNS IMMER AUCH WACHSTUM"
Werfen wir zum Abschluss den Blick konkret auf 2026: Welche Content-Highlights können wir in diesem Jahr erwarten?
Unsere Pipeline für 2026 ist gut gefüllt. Unsere großen Marken wie "Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum", "Wer stiehlt mir die Show?", "The Voice (Kids)" und "The Taste" bleiben starke Anker. Formate wie diese unterscheiden uns von unseren globalen Mitbewerbern – lokale, warme Unterhaltung, die fest im deutschsprachigen Raum verankert ist. Live‑Inhalte spielen ebenfalls eine immer wichtigere Rolle für uns. Ich bin großer Sport-Fan. Daher freue ich mich auch ganz persönlich über die vielen Sportrechte, die wir uns langfristig gesichert haben, unter anderem Handball, Basketball, Eishockey und ganz neu die Darts-WM. Damit schaffen wir in den kommenden Jahren verlässliche Reichweiten und große gemeinschaftliche Fernsehmomente.
Neben Unterhaltung und Sport haben wir auch viele Dokumentationen und mit :newstime tägliche Nachrichten im Programm. Wie steht es um unser journalistisches Profil – insbesondere mit Blick auf die aktuellen globalen Entwicklungen?
Unabhängige Medien sind ein Grundpfeiler einer offenen Gesellschaft. Gerade in Zeiten von Unsicherheit, Polarisierung und zunehmender Desinformation tragen wir besondere Verantwortung. Wir stehen für verlässliche Information, journalistische Qualität und Meinungsvielfalt – und wir investieren in eine Organisation, die das dauerhaft trägt. Das ist Teil unseres Selbstverständnisses und ein fester Bestandteil unseres strategischen Rahmens.
Und was erwartest du wirtschaftlich von 2026?
"2026 WIRD EIN JAHR DER UMSETZUNG"
Das äußere Umfeld wird sehr herausfordernd bleiben, keine Frage. Aber wir werden uns auf die Dinge konzentrieren, die wir selber in der Hand haben. 2026 wird ein Jahr der Umsetzung: klare Prioritäten, schnelles Handeln und messbare Fortschritte. Wir werden Inhalte, Plattformen und Monetarisierung gleichermaßen ausbauen. Ich bin überzeugt: Wenn wir unsere Stärken konsequent nutzen, wird ProSiebenSat.1 wieder zu neuer Kraft finden.
Danke für das Interview, Marco.